Demosophia (Deutsch)

1 February 2021

Demosophia (Deutsch)

Der Ballhausschwur am 20. Juni 1789 von Auguste Couder; Bildnachweis: Wikimedia Commons

Demokratie und Philosophie sind nichts anderes als zwei Seiten der Antwort auf ein einziges Rätsel: das einer menschlichen Zusammenkunft, die für ihren Zusammenhalt keine heilige Bindung mehr hat (und auch keine natürliche, wenngleich diese beiden Arten einander überlagern). Es wäre daher nicht vermessen, Philosophie und Demokratie miteinander zu verbinden, um die Demosophia zu schaffen: die Kunst oder die Wissenschaft, das Volk, seine Natur und das für es Gute zu erkennen

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Demokratie und Philosophie sind insofern die gleiche Sache, als dass beide sich essenziell auf die Abwesenheit eines Fundaments beziehen. Die Demokratie ist derjenige Zustand, in dem sich eine Gruppe befindet, die weder Herrscher noch Gesetz hat. Die Philosophie ist derjenige Zustand des Denkens, das weder Prinzip noch Regel hat.


​In beiden Fällen geht es darum, zu erfinden, und in beiden Fällen ist es ausgeschlossen, ein endgültiges Ergebnis zu erreichen (was jede Deliberation von Entscheidungen und jede Ausarbeitung von Bedeutungen ausschließen würde). Gerade aus diesem Grund erscheinen die Demokratie und die Philosophie gemeinsam in der Geschichte der westlichen Welt, in eben jenem Moment, in dem diese Geschichte sich von sozialen und symbolischen Formen löst, die durch tiefgreifende Transformation erschüttert worden sind. Es ist ein Zeitalter des Verlustes und der Notwendigkeit zu erfinden. Es ist das griechische, das jüdische und das römische Zeitalter, und bald auch das des Islams.


​Jenseits dieser Geschichte geht es immer um etwas anderes: Die Formen des Regierens und die Formen des Denkens schöpfen ihre Ressourcen aus den bestehenden Vorkommen an Formen und Kräften, die von bemerkenswerten Erfindungen fruchtbar gemacht werden, welche sich immer auf uralten Bestand stützen (Mythen, Weisheiten und symbolische Regime). Das sind Künste des Regierens und des Denkens und nicht die dringende Notwendigkeit, listig mit Prekarität und Verwirrung umzugehen. Es gibt traditionelle Kulte, oder Meditationen und Rezitationen ebenso wie Könige, Priester und Schamanen. Eine Ordnung wird sichergestellt, eine Regelmäßigkeit, ein Rhythmus – unter der Bedingung einer unanfechtbaren Hierarchie.


​Ganz im Gegensatz dazu gibt es in der Demokratie und in der Philosophie eine Hast, eine Agitation, eine für Elende typische Gier, während es in Imperien oder Stämmen eine Sicherheit, eine Majestät gibt, die sogar über das Elend und die Tyrannei hinausreichen – ohne dass dadurch Kriege und Eroberungen verhindert würden. Ebenso erwacht im Westen eher eine Produktions- und Fortschrittslogik als eine alte Reproduktions- und Konservierungsweisheit. Man könnte sagen, dass der Westen sich zum Wachstum gedrängt fand (nach organischem und innovativem Muster) während man sich anderswo an den bloßen Zuwachs hielt (nach kumulativem, überlieferndem Muster).


Doch diese Agitation hat die Welt erobert, als diese Agitation technologisch wurde, und zwar in dem Sinne des Wortes, der impliziert, dass die Verwertung des Gegebenen überwunden wird und die Elemente bezwungen werden.

Doch diese Agitation hat die Welt erobert, als diese Agitation technologisch wurde, und zwar in dem Sinne des Wortes, der impliziert, dass die Verwertung des Gegebenen überwunden wird und die Elemente bezwungen werden. Ein Beispiel und ein Symbol bietet die Schifffahrt: mit dem Heckruder, das bereits im alten China bekannt war, wenngleich es dort wenig genutzt wurde, und das wiederum später im Europa des 13. und 14. Jahrhunderts weiterentwickelt und perfektioniert wurde, konnten sich Schiffe viel besser und schneller ihren Weg über die Ozeane bahnen. Der Einsatz des Schießpulvers in Feuerwaffen folgt einer ähnlichen Geschichte. Innerhalb weniger Jahrhunderte wurde dieser Technologiekomplex in Industrie, Management und Unternehmertum eingesetzt und dehnte sein Netz bald über den ganzen Planeten aus. Die Demokratie und die Philosophie in ihrer engen Verbindung waren Teil dieser Ausbreitung.


​Man könnte sagen, dass die Demokratie und die Philosophie gemeinsam eine doppelte Technologie der Forcierung des symbolischen Elements bilden. Dort, wo es weder Prinzip noch heilige oder natürliche Ordnungen gibt, muss das Gesetz selbst erfunden werden, das heißt sowohl die Funktionsweise des sozialen Zusammenschlusses selbst als auch die Fundamente und/oder der Zweck eben jener Funktionsweise. Keine Demokratie ohne eine Infragestellung der Möglichkeit des Gesetzes, keine Philosophie ohne eine Praxis der Diskussion über Prinzipien und Ziele.


Es könnte scheinen, als ob Platon dieser Behauptung widerspricht, da er sich gegen die Demokratie wendet. Er tut dies jedoch nur im Namen dessen, was er als die Wahrheit der Menschen denkt, die sich als eine Polis versammeln. Man kann sogar sagen, dass Platon die Symbiose von Demokratie und Philosophie als Wirklichkeit eines einzigen gemeinsamen Prozesses bestätigt: des Prozesses nämlich, der Existenz den Sinn und die Beständigkeit verleiht, derer sie entbehrt. Nur ist die Existenz gemeinsam – und es ist aus genau diesem Grund, dass alle Kulturen stets auch mit Dispositionen zum Aufrechterhalt und Wohlstand der Gemeinschaft ausgestattet gewesen sind.



Die Konferenz der Vögel, Folie 11r aus Fariduddin Attars Dichtung Mantiq al-tair (Die Sprache der Vögel), gemalt von Habiballah of Sav um 1600, Bildnachweis: Metmuseum.org

Demokratie und Philosophie sind nichts anderes als zwei Seiten der Antwort auf ein einziges Rätsel: das einer menschlichen Zusammenkunft, die für ihren Zusammenhalt keine heilige Bindung mehr hat (und auch keine natürliche, wenngleich beide sich überlagern). Es wäre daher nicht vermessen, Philosophie und Demokratie miteinander zu verbinden um die Demosophia zu schaffen: die Kunst oder die Wissenschaft, das Volk, seine Natur und das für es Gute zu erkennen.

 

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Die Demosophie würde das politische, judikative und spekulative Erscheinungsbild der technologischen Unternehmung im voreuropäischen Mittelmeerraum prägen. Ihr erstes Produkt wäre die römische Welt, gefolgt von Europa.


Dass die technologische Ausbreitung auch ein Beherrschungsprojekt gewesen ist, daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist heute nicht mehr die nach dem Aufzeigen dieser Beherrschung, sondern besteht vielmehr darin, festzustellen, dass diese beherrschende Kraft eben jene Selbstgewissheit verloren hat, die sie sich selbst verliehen hatte und die bis zu einem bestimmten Grad die ganze Welt anerkannt hatte. Technologische Macht hat nichts mit der Fähigkeit zu tun, die Existenz zu verstehen. Aus diesem Grund geben die Demokratie und die Philosophie, wenn sie als Technologie des Zusammenlebens betrachtet werden, traurige Gestalten ab.


Die Demosophie aber war das veritable Versprechen des Fortschritts und dessen Herrschaft: Es galt, eine erneuerte und vollendete, gerechte und friedliche Menschheit zu erreichen, die zu anderem in der Lage wäre als zu Ertragen und zu Leid.

​Diese besondere Schwäche zeigt sich nur im Inneren der sogenannten entwickelten Gesellschaften. Für Außenstehende stellt die Gesamtheit des relativen Wohlstandes der westlichen Welt (Ernährung, Gesundheit, Freizeit, häuslicher Komfort, Mobilität etc.) ein Vorbild und einen Stachel der Lust dar. Aber es ist gerade diese Lust, die den entwickelten Nationen verloren zu gehen scheint. Ihnen werden die Eitelkeit und die Leere eines Lebens bewusst, das einer gewaltigen techno-ökonomischen Maschinerie unterworfen ist, die sich einzig und allein für einige wenige dreht, die dadurch in exponentiellem Maß an Reichtum gewinnen, während die anderen immer weniger Einfluss darauf nehmen können, in welche Richtung die Maschine sie mitzieht. Nicht mehr die Hierarchie, sondern das Privileg der Macht befiehlt.


Die Demosophie aber war das veritable Versprechen des Fortschritts und dessen Herrschaft: Es galt, eine erneuerte und vollendete, gerechte und friedliche Menschheit zu erreichen, die zu anderem in der Lage wäre als zu Ertragen und zu Leid. Und dennoch tut die Menschheit heute in überwältigender Mehrheit nichts anderes als zu ertragen und zu leiden. Die einen, weil ihnen ostentativ und auf grausame Weise der Wohlstand der anderen vorenthalten wird. Die anderen, weil sie keine Kraft, keinen Lebenshauch in der gigantischen und undurchdringlichen Maschinerie finden, die ihre Existenz vergiftet, während sie gleichzeitig behauptet sie zu emanzipieren.


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Das Versprechen war falsch – es sei denn, wir anderen alten Demosophen und Demosophisten haben nichts verstanden, und es kündigt sich gerade das Entstehen einer völlig anderen Menschheit an, die sich als integraler Bestandteil der großen Maschinerie entwickelt. Und dies sind wir völlig außerstande uns vorzustellen.

Gewiss gibt es auf der Erde eine Vielzahl von Menschen, für die verschiedene Formen von Religion, Glauben und das Befolgen von Ritualen notwendige Orientierungspunkte sind, die Kräfte und der Lebenshauch, ohne die man nicht existiert. Mögen die Götter und die Geister jeder Gemeinschaft über sie wachen. Jedoch sind die gleichzeitige Präsenz und Interferenz solcher divergierenden, wenn nicht sogar widersprüchlichen, existenziellen Ressourcen nicht leicht zu verstehen und vor allem nicht leicht zu beherrschen. In der Tat scheint einerseits das ‚Demos‘ all das verloren zu haben, was in der Lage war ihm Form und Konsistenz zu verleihen. Die ‚Sophia‘ andererseits scheint in eine allgemeine Berechnung von Algorithmen überführt worden zu sein. Auf beiden Seiten fällt die Vitalität der Lust – die sich immer auf das Unberechenbare richtet – der Rigorosität der Berechnung zum Opfer. Und dennoch weiß niemand, was genau es zu berechnen gälte, wenn nicht die Rechenkapazität selbst.


Wir werden daher nicht am Begriff ‚Demosophia‘ festhalten: Er darf zu nichts anderem dienen, als dazu, ein nicht eingelöstes Versprechen zu benennen. Die moderne Geschichte der Menschheit, in dem Moment, in dem sie sich zur Geschichte einer Welt schließt, die gleichzeitig in sich vernetzt und einer Repräsentation ihrer selbst beraubt ist, bietet uns zwei leere Hüllen an: das ‚Volk‘ und das ‚Denken‘. Mit anderen Worten also, die Existenz und den Sinn. Wir wissen nur eins: Beide zusammen sind entweder kurz davor in eine andere Realität zu verschwinden – bestehend aus Populationen und Berechnungen – oder aber in einem völlig neuen Licht zu erscheinen, von dem wir heute noch nichts ahnen. Daher sind ‚Demokratie‘ und ‚Philosophie‘ von Neuem der doppelte, vielleicht anachronistische Name dessen, was nicht mehr bloßes Versprechen bleiben kann, sondern schon bald zur drängenden Notlage wird.


Wir werden daher nicht am Begriff ‚Demosophie‘ festhalten: Er darf zu nichts anderem dienen, als dazu, ein nicht eingelöstes Versprechen zu benennen.

POST-SCRIPTUM


Das Verwerfen des Begriffs ‚Demosophia‘ ist deswegen noch wichtiger, weil es unabdingbar ist, das zu betrachten, was nach diesem chirurgischen Eingriff in beide Wörter übrigbleibt. Es bleibt ein weiterer zusammengesetzter Begriff: die Philokratie, das heißt die Liebe zur Macht. Doch eine Demosophia, die ein echtes Denken des Volkes wäre, durch das Volk und für das Volk, sollte vor allem diese Philokratia in Schach halten, die eine der mächtigsten Antriebskräfte des menschlichen Verhaltens ist. Das bedeutet nicht, dass es gar keiner Macht bedarf, sondern dass die Liebe zur Macht durch eine andere Liebe kontrolliert, kanalisiert und angeleitet werden muss, nämlich der Liebe zum Leben und der Liebe zum Wort. Das ist es, was die Demokratie und die Philosophie gemeinsam betrachten müssen.


Translation by MARIE BERGNER


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