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33 mal Jean-Luc Nancy fotografieren

23 January 2023

33 mal Jean-Luc Nancy fotografieren

Jean-Luc Nancy reading to the author the letters of Jacques Derrida he had once received when Derrida was still alive; Image credit: Nicola Tams

In memorium Jean-Luc Nancy (1940-2021).

Fotografie 1: Du, über deine Briefe gebeugt. 


Fotografie 2: Wir im Restaurant, du vergisst, wo du dein Auto geparkt hast. 


Fotografie 3: Ich in der Bahn nach Straßburg. 


Fotografie 4: Du, über vier verschiedenen Stapeln Texte in deiner Wohnung. 


Fotografie 5: Du in meiner kleinen, Weddinger Wohnung in Berlin und Alicia, die dich mit offenem Mund anstarrt. Ich hocke mich hin für das Foto. Wir essen Kuchen. Du willst nicht mit dem Taxi durch Berlin fahren, sondern in die U-Bahn. Und dann auch noch stehen. 


Fotografie 6: Du, Zeynep und Mariangela in einem Thermalbad in Italien, wo ich dir das erste Mal davon erzähle, was ich machen will. Über Freundschaft schreiben, das heißt auch über dich. 


Fotografie 7: Wir in der Wohnung von Marita in Berlin. Ihr frühstückt. 


Fotografie 8: Wir skypen und auf dem Bild von Skype sieht es so aus, als würde ich direkt in deinem Bücherregal sitzen. 


Fotografie 9: Die Strecke von Berlin nach Straßburg ist jetzt viel weiter als die von Freiburg. 


Fotografie 10: Wir tauschen uns über einen Brief von Derrida aus und diesen Austausch halten sie für literarisch. 


Fotografie 11: Ich schreibe dir einen Brief mit der Bitte, deine Briefe zu lesen. 


Fotografie 12: Die Postkarte, die du mir als Antwort auf meine Anfrage schreibst, worin du mich einlädst, zu dir zu kommen und die noch restlichen Briefe zu lesen. 


Fotografie 13: Der Briefwechsel, der plötzlich vor meinen Augen entsteht. 


Fotografie 14: Die Wissenschaft und die Philosophie. Die verschiedenen Welten. Die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich. Dass du als Kind in Deutschland gelebt hast. 


Fotografie 15: Du sprichst Deutsch auf einem sehr langen Vortrag in Freiburg, wir kennen uns kaum, ich schiele herüber zu denen, die dich besser kennen. Ich denke, ich bin neidisch, wie ein Kind, das mit einem anderen Kind spielen will und dass sie nicht aus dem Haus lassen. 


Fotografie 16: Das Buch, das ich dir schicke, gerät unter Wasser. 


Fotografie 17: Ich stürze aus der Philosophie in die Fernsehbranche, um zu überleben. Meine Befürchtung bewahrheitet sich nicht: Du redest weiter mit mir, als wäre nichts gewesen. 


Fotografie 18: All die Fotografien, die nicht gemacht wurden. Ich erzähle einem befreundeten Fotografen von dir und er stellt sich vor, dass wir einen Film machen. Ich gehe die Stationen dieses Films im Geiste durch. 


Fotografie 19: Hélène und ich sitzen in der Küche und ich finde ihre Stimme wirklich extraordinär schön. 


Fotografie 20: Mal sieht der Holztisch in meiner Weddinger Küche zu groß und mal zu klein für dich aus. 


Fotografie 21: Du erzählst von Kindern. 


Fotografie 22: Der Wunsch, dich wieder und wieder zu fotografieren, damit du nicht alterst. 


Fotografie 23: Eine Reihe von bekannten und unbekannten Gesichtern redet auf YouTube über Corona. Meine erste Version ist völlig unmöglich. Du bist diplomatisch. 


Fotografie 24: Du liest “Scham” in der Bahn und ich schäme mich. 


Fotografie 25: Wir sitzen in einem Berliner Kino in einer Reihe und schauen dich an, wie du auf der Leinwand als eine andere Version von dir selbst redest. Der Film ist sehr künstlerisch und schwer zu verstehen. 


Fotografie 26: Ich schreibe in einem Text über Freundschaft, dass du Derrida fast geküsst hättest. 


Fotografie 27: Ich studiere, wie die Anredeformeln zwischen dir und Derrida nach und nach freundschaftlicher werden. 


Fotografie 28: Irgendwann hören wir auf, in unseren Emails formale Anreden zu verwenden, auf deinen Wunsch hin. Wie ich mich plötzlich entspanne und ich selbst sein kann in deiner Gegenwart. 


Fotografie 29: Satoshi sitzt mir bei einem Abendessen im Archiv Derridas in Caen gegenüber und erzählt mir von eurer Freundschaft, deiner und Derridas. 


Fotografie 30: All die Briefe, die du aus einem braunen Umschlag holst und auf den Tisch legst. 


Fotografie 31: Wir machen Stapel in deiner Wohnung. Die von dir geschriebenen, alt gewordenen Texte sortierst du aus, ich kann nichts wegwerfen. Möchte alles retten. Die Fotografien rette ich. 


Fotografie 32: Ich hänge die Fotografie der Verteidigung deiner Doktorarbeit in Schwarzweiß bei mir in der Wohnung auf. Es sieht aus wie ein Treffen unter Freunden. Auf dem Fußboden findet das gerahmte Bild schließlich einen Platz vor dem Fenster. 


Fotografie 33: Wir trinken Mariage Frères Earl Grey in einem schwarzen Kännchen. Das ist deine Küche. Deine und Hélènes. Es ist die Zeit für Tee. Wir sitzen im Stadtzentrum von Straßburg, nicht weit entfernt ist der Markt, ich kann alles zu Fuß machen. Das ist meine Lieblingsfotografie. Sie ist ganz nah, ganz dicht, erzählt dich aus nächster Nähe. Ohne Worte. So ist es mir lieber. Zumindest vorläufig. Du gießt den Tee aus der Kanne in meine Tasse, er ist ganz schwarz, stark, herb und bitter.

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