POLITICS
SOCIOLOGY

Die Stadt und das Denken

22 DECEMBER 2020

Kleine oder mittlere Großstädte sind ein konzeptionell blinder Fleck der urbanen Erfahrung, sie liegen irgendwo zwischen Stadt und Land, und trotzdem gelten sie – wenigstens in Deutschland – als Provinz. Der Beitrag ist ein Plädoyer für die spezifische Lebensqualität dieses Dazwischen, worin sich Freiheit und Beschränkung gegenseitig durchdringen und relativieren. Hier scheint eine bestimmte Form von Urbanität möglich zu sein, die in den Metropolen verloren zu gehen droht: ein Gestaltungsraum von Verschiedenen, der in den Metropolen zwar potenziell vorhanden ist, sich aber nur mit wachsenden Schwierigkeiten aktivieren lässt.

Chemnitz, Germany (detail); Image credit: Wolfram Ette

Die Stadt und das Denken

 

I

             tadt und Land werden einander abstrakt entgegengesetzt. Auf der einen Seite die „Idiotie des Landlebens“ (Engels), dessen Borniertheit es freilich wiederum möglich macht, in der Beschränktheit ein Lebensglück zu finden, das zu uns als endlichen Existenzen passt. Auf der anderen Seite: Stadtluft macht frei; die Anonymität des Stadtlebens reißt uns aus den lastenden Ursprungsverpflichtungen eng begrenzter Lebens- und Beziehungsräume heraus; die Mannigfaltigkeit der hier möglichen Erfahrungen führt uns Potenziale des eigenen Dasein vor Augen, die wir sonst vielleicht nicht bemerkt hätten. Aber freilich, auch diese Freiheit hat ihren Preis: Sie kann zu Dekonzentration, Stress und in letzter Konsequenz zu dem führen, was Kierkegaard die ‚Verzweiflung der Möglichkeit‘ nannte: „Dieses Selbst wird eine abstrakte Möglichkeit, es strampelt sich müde in der Möglichkeit, aber es kommt nicht von der Stelle und auch nicht an eine Stelle, denn das Notwendige ist gerade die Stelle; man selbst werden ist ja eine Bewegung auf der Stelle… Im Augenblick erweist sich etwas als möglich, und dann zeigt sich eine neue Möglichkeit, zum Schluss folgen diese Phantasmagorien so schnell aufeinander, dass es ist, als wäre alles möglich, und es ist gerade der letzte Augenblick, wo das Individuum mit Haut und Haaren selbst eine Fata Morgana geworden ist.“


Diese Entgegensetzung ist nicht nur sehr schematisch, sie ist auch sehr spezifisch. Was sie konstituiert, sind eigentlich Extreme: das der dörflichen Existenz auf der einen Seite, das des Lebens in den großen Metropolen auf der anderen. Und es gibt ja auch Lebensformen, die beides zu verwirklichen versuchen, wenn sich z.B. Stadtbewohner ein Haus auf dem Land zu legen, indem Sie die Wochenenden verbringen. Sie pendeln dann zwischen verschiedenen, sehr verschiedenen Lebensrhythmen hin und her. Es ist der Versuch, noch die Lebensmöglichkeiten ins urbane Dasein zu integrieren, die von ihm eigentlich kategorisch ausgeschlossen wird: die nicht-städtische Existenz nämlich, die man sich dazukauft und zu der in manchen Fällen die Beziehungen so lose bleiben, dass von ihren Nachteilen weitgehend abgesehen werden kann.


Was aus dem Schema heraus fällt, sind Städte mittlerer Größe. Sie waren für lange Zeit der Inbegriff des städtischen Lebens (1); Metropolen wie London, das früh schon zur Millionenstadt wurden, waren eher die Ausnahme, die erst einmal eigenen Gesetzen folgte und eigene Maßstäbe mitbrachte. Jetzt sind sie der Maßstab. Kleine oder mittlere Großstädte wie Karlsruhe, Mönchengladbach oder Rostock sind jetzt, auch wenn noch immer ein sehr großer Teil der Bevölkerung in ihnen lebt, so etwas wie ein konzeptionell blinder Fleck, irgendwas zwischen Stadt – richtiger Stadt! – und Land; sie sind, wie oft etwas despektierlich gesagt wird, Provinz. Sie haben, in Deutschland zumal, ein Theater mit mehreren Sparten, ein Konzerthaus, das ein breites Spektrum zwischen Gastspielen klassischer Musik, Volksmusik-Events und trommelnden japanischen Mönchen abbildet. Es gibt eine nicht allzu große Clubszene, ein bis zwei Programmkinos und Off-Theater, einige Galerien und ein städtisches Museum. Provinz heißt: es gibt vieles von dem, womit die großen Städte aufwarten können, aber es gibt das nur einmal. Man kann sich entscheiden, ob man eine Vernissage besuchen oder ins Theater gehen will, aber man kann in der Regel nicht zwischen verschiedenen, konzeptionell unterschiedlich aufgestellten Theatern auswählen, und meist steht, wenn überhaupt, nur eine Ausstellungseröffnung zur Auswahl. Es ist etwas dazwischen, und dieses Dazwischen erfüllt sonderbarer Weise mit größerem Unbehagen als die Extreme, die zu stärkeren Gefühlen, Projektionen und Idealisierungen in alle Richtungen einladen.

II

Ich möchte in diesem Beitrag für die spezifische Lebensqualität dieses Dazwischen plädieren, worin sich Freiheit und Beschränkung gegenseitig durchdringen und relativieren. Mir scheint, dass hier eine bestimmte Form von Urbanität möglich ist, die in den Metropolen verloren zu gehen droht, das heißt: ein Gestaltungsraum von Verschiedenen, der in den Metropolen zwar potenziell vorhanden ist, sich aber nur mit wachsenden Schwierigkeiten aktivieren lässt. 


Dieses Plädoyer ist natürlich grundiert von eigenen lebensgeschichtlichen Erfahrungen. Sie sind nicht das Beiwerk eines theoretischen Entwurfs, sondern ihr Fundament. Um diesen überhaupt nachvollziehbar zu machen, ist es deswegen notwendig, das Fundament freizulegen.


Es sind vier Städte, in denen ich gelebt habe: Bielefeld, Berlin, Freiburg und Chemnitz; zeitweilige Aufenthalte wie meinen Zivildienst in der Lüneburger Heide und ein Studienjahr in Paris lasse ich fort, weil bei ihnen von vornherein feststand, dass ich nicht auf Dauer bleiben würde. Drei dieser vier Städte sind mittelgroß, wenn auch untereinander sehr verschieden. In Berlin war ich 10 Jahre plus später noch einmal anderthalb (ich komme darauf zu sprechen); das ist jetzt nicht mehr als ein knappes Fünftel meiner Lebenszeit. Schon aus diesen quantitativen Verhältnissen wird klar, dass ich – lange Zeit, ohne mir dessen bewusst zu sein – mich instinktiv an Orten niedergelassen habe, die kategorial zwischen der Metropole und dem Land angesiedelt sind; woher diese Neigung rührt, möchte ich im Folgenden versuchen, aufzuklären.


In den 1970er Jahren war die alte Arbeiterstadt Bielefeld wirklich Provinz. Eine Freundin erzählte, wie sie 1972 von Berlin nach Bielefeld kam, weil ihr Mann eine Stelle an der Universität bekommen hatte: aus dem Nach-68er-Getümmel, in dem sie gefühlt jeden Abend Flugblätter diverser linker Splittergruppen im Müll versenkte, ins ruhige Ostwestfalen; das einzige Transparent an der Pädagogischen Hochschule wies auf den Abendgottesdienst der Evangelischen Studentengemeinde hin. Ja, es gab diese frisch gegründete Universität, aber sie lag außerhalb, spätere Berühmtheiten wie Luhmann und Bohrer waren damals noch kleine Lichter, und kaum jemand wusste von ihnen. Es gab das Theater, das für sein Abonnementspublikum spielte und musizierte, aber gerade das wirkte ja so provinziell: Kultur als rituelle Selbstbestätigung des Bürgertums, das sie sich was kosten ließ. Und es gab wie in vielen anderen westdeutschen Städten diese scheußliche Fußgängerzone: gebaute Verdrängung, mit denen die Verwüstungen des Krieges und die daran hängende Frage nach der Schuld architektonisch zugepflastert worden waren.

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                    Die Mittelstadt ist etwas dazwischen, und dieses Dazwischen erfüllt sonderbarer Weise mit größerem Unbehagen als die Extreme, die zu stärkeren Gefühlen, Projektionen und Idealisierungen in alle Richtungen einladen.

Chemnitz, Germany (detail); Image credit: Wolfram Ette

„Wir“, das heißt ich und meine generationellen Gesinnungsgenossen, fanden diese Stadt schrecklich. So schnell wie möglich weg von hier, war unsere Devise. Sie war uns peinlich wie unsere Eltern und der Nachkriegsmuff, der sich, so schien es uns, hier viel länger hielt als anderswo. So gingen wir fort, fast alle, und verpassten dadurch die eigentümliche Metamorphose dieser Stadt, die jetzt (so scheint es mir wenigstens) mit der in den siebziger Jahren nicht mehr viel zu tun hat. Denn nach knapp 20 Jahren sickerte das universitäre Leben nach und nach in die Stadt ein, diese wurde bunter, lebendiger und vielfältiger. Jetzt erscheint sie mir einigermaßen lebenswert – aber vielleicht liegt dies nicht nur an Bielefeld selbst, sondern auch daran, dass ich älter geworden bin, meine Ansprüche sich verändert haben, aber eben auch in der Form, dass der Widerstand gegen eine Stadtgestalt bestimmter Größe, die ich, wie mir immer klarer wird, als Erwartungs- und Erfahrungsmatrix eben doch mit mir herumtrage, schwächer geworden ist und die Spannung zum Ursprung an Zwanghaftigkeit deutlich verloren hat.


Dann kam, von 1987 bis 1997, Berlin – eine nicht sehr große Stadt, wenn man es mit dem Berlin von heute vergleicht. Nach 1968 war Westberlin zu einem Ort der Verheißung geworden, wo es sich billig leben ließ und alternative Lebensentwürfe ausprobiert werden konnten. Man war in einer eigentümlich unerbittlichen Weise weg von zu Hause: das andere, fremde Deutschland lag abwehrend zwischen meiner Ofenheizungswohnung und dem bürgerlichen Eigenheim der Familie. Gleichzeitig war man geschützt, gepampert durch geringe Mieten, Berlin-Zulage und die Befreiung von der Wehrpflicht. Und vielleicht auch ein bisschen durch die Mauer, die es uns verwehrte, ins Umland zu blicken und der Stadt den Charakter abgeschiedener Großdörflichkeit verlieh. Ein urbanes Ikea-Bälleparadies, geschuldet der einmaligen Nachkriegssituation.


Auf der einen Seite genoss ich während der Studienjahre das, was für mich noch immer den Inbegriff von Urbanität darstellt: das Nebeneinander von Verschiedenem, ja eigentlich Unvereinbaren. In dem Viertel, in dem ich lebte, stießen soziale Welten aneinander, oder besser, sie liefen durcheinander hindurch: Alt- und Neuberliner, Arbeiterinnen und Studenten wie ich; Angestellte des nahegelegenen Krankenhauses, die manchmal während der Mittagspause zu sehen waren, wenn sie aus dem auf 19. Jahrhundert getrimmten Bordell in meiner Straße kamen. Und zwei Straßen weiter lagen die großbürgerlichen Riesenwohnungen mit Blick auf den Kanal. Die Kneipen: ein Durcheinander, dicht an dicht, von Eckkneipen, Heavy-Metal-Läden, aufkeimenden Szenebars und diversen Restaurants. 


Ich will das nicht glorifizieren, aber mir schien, das, was ich zu sehen bekam, war im Großen und Ganzen ein Bild der Gesellschaft; nicht unbedingt schön, aber hochgradig interessant. Natürlich gab’s in Berlin auch die bürgerlichen Viertel, natürlich gab es die Außenbezirke mit ihren Eigenheimen und Kleingarten, ich wusste davon, aber es interessierte mich nicht. Es gab diese kleinen Städte am Rande wie Frohnau und Heiligensee, es gab Zehlendorf, und es gab immer noch Spandau. Aber all das interessierte mich nicht.


Denn dies ist die andere Seite: die ungeheuerliche Ignoranz, mit der ich mich durch diese Stadt bewegte, die ich für mich reklamierte, ohne sie zu kennen. Ich bin im Nachhinein immer wieder befremdet und erstaunt darüber, wie wenig ich von ihr gesehen habe. Man könnte meinen, dass Rayon, in dem ich mich aufhielt und dass ich einigermaßen kannte, sei auch nicht viel größer als – Bielefeld gewesen.


Damit stand ich keineswegs alleine und es gab darin etwas, das mir mit den Jahren immer mehr zur missfallen begann. Diese ‚Kiez-Mentalität‘ – „Kiez“ ist ja ein Ausdruck für die alten, wendischen Fischerdörfer, aus deren Zusammenschluss Berlin entstand: und noch immer stehen sie miteinander im Wettbewerb ums größte Schützenhaus. Das Fortleben alter dörfliche Strukturen, das man in Berlin besser beobachten kann als in anderen deutschen Großstädten hat auch seine sympathischen Seiten; und ich kann sie jetzt besser würdigen als früher. Damals aber erschien es mir lächerlich – lächerlich als aufgeblähte Provinzialität, die das Verschiedene nicht als Verschiedenes stehen lassen kann, sondern dem Zwang unterliegt, es zu bewerten. Diese Metropole: ein übergroßes, überreiztes Agglomerat gallischer Dörfer –: ich empfand das zunehmend als anstrengend. War das die ultimative Lebensform?


Ich verließ die Stadt Ende der 1990er Jahre. Die Nachwendezeit hatte es nicht besser gemacht. Die gewachsene und von da an immer weiter wachsende Stadt zerfiel immer mehr, und das, was ich erlebte, war erst der Anfang. Ich zog nach Freiburg im Breisgau.


Dort genoss ich vieles. Die Überschaubarkeit, das Wetter, die Nähe zu Frankreich und der Schweiz, vor allem aber die so viel innigere Beziehung von Stadt und Land. Das konnte es in Berlin der Vorwendezeit natürlich nicht geben; aber nach 1989 hat sich eine seltsame Mischung aus Herablassung und Parasitentum dem brandenburgischen Umland gegenüber etabliert, die mich störte. In Freiburg griff das ineinander. In wenigen Minuten war ich im Schwarzwald; nach einer guten Stunde so hoch, dass ich bis zu den Alpen sehen konnte. Über den Weinbau war das Land in der Stadt gegenwärtig, die umliegenden kleinen Kommunen waren nicht ausgeschlossen, sondern gehörten irgendwie noch ins städtische Kraftfeld. Alle Übergänge waren fließender. Und es war möglich, die ganze Stadt zu überschauen – so halbwegs wenigstens. 


Natürlich gab es auch pragmatische Gründe dafür, dass ich zur Ruhe kam. Ich schrieb in dieser Zeit an meiner Dissertation; dass der mentale und zeitliche Aufwand, dessen es bedurfte, um den Alltag zu meistern, sich reduzierte, kam meiner Konzentration (die ohnehin nicht die beste ist) zugute.


Mit der Zeit fiel mir freilich auf, dass es auch hier Brüche gab. Ich wohnte die meiste Zeit in einem grünbürgerlichen Viertel; schön war’s dort, aber es gab auch anderes: die Hochhaussiedlung am Rand der Stadt zum Beispiel, in der ich das letzte Jahr lebte. Da verlor sich die ganze Herrlichkeit in einem Gewirr aus Bewohnern höchst unterschiedlicher Herkunft, Bandenstreitigkeiten, herumstehenden Einkaufswagen und lautstarken Erziehungsproblemen, die durch die dünnen Wände des Hochhauses drangen. Da setzte niemand, den ich kannte, gerne ihren, oder seinen, Fuß hinein, ich selbst aber hatte den Eindruck, bei allem, was mich behelligte, ein kleines Stück unter der Glasglocke der Glückseligkeit, als die sich diese Stadt versteht, und die sie teilweise auch ist, hervorgekrochen zu sein.


Aber mir blieb nicht viel Zeit mir Gedanken darüber zu machen wie es weitergehen würde. Ich bekam das Angebot, an der Technischen Universität Chemnitz zu arbeiten und sagte zu. Und hier lebe ich nun schon, mit knappem Vorsprung, die längste Zeit meines Lebens. Da Chemnitz, gelinde gesagt, auf der Beliebtheitsskala der deutschen Großstädte nicht weit oben steht, will ich versuchen, zu begründen, was mich hier gehalten hat und weiter hält.

III

 

Heiner Müller hat einmal gesagt, wenn man wissen wolle, was in einer Gesellschaft los sei, müsse man in die Provinz gehen. Aber warum? Warum soll die Provinz eine höhere Darstellungsqualität für gesellschaftliche Konflikte enthalten als die Hauptstadt, in der Müller, als er das formulierte, wahrscheinlich schon lebte? Warum ist das – in gewisser Hinsicht – Zurückgebliebene typischer als die Formen des Zusammenlebens, die geschichtlich die Avantgarde bilden? 

Ein Grund jedenfalls fällt mir ein. Ich sagte: In der Provinz gibt es – idealtypisch formuliert – alles nur einmal. Das heißt, die Szenen, in denen sich so etwas wie eine kulturelle Identität ausbildet, sind so klein, dass man sich nicht voneinander isolieren kann. Sie sind nicht so ausdifferenziert, die Gefahr einer Konventikelbildung, der Filterblase also, in der man sich bewegt, ohne überhaupt noch mitzubekommen, dass es anderswo auf der Welt anders zugeht, ist geringer. Man läuft sich ständig über den Weg, im Guten wie im Schlechten. 

In den 1980er und -90er Jahren bin ich eine Weile häufig in Free-Jazz-Konzerte gegangen; später dann, in Freiburg mit seiner Musikhochschule, waren es Neue-Musik-Konzerte. Aber irgendwann hat es mich gelangweilt, dort mehr oder weniger immer denselben Figuren zu begegnen, die sich kannten, sich grüßten, sich gegenseitig in ihrem Avantgardetum bestätigten und Neuigkeiten aus der Szene austauschten. Man war so zufrieden mit sich, kannte sich wie das bürgerliche Opernpublikum, nur ohne Loge. 

In einer Stadt wie Chemnitz dagegen muss man sich verbünden, wenn man etwas machen will. Die Grenzen zwischen allen Sparten sind fließender, und man begegnet immer wieder Menschen in Zusammenhängen und Kontexten, in denen man sie nicht erwartet hätte. So habe ich hier Konzerte mit Neuer Musik erlebt, dessen Publikum weit heterogener zusammengesetzt war, als ich das aus Berlin und Freiburg kannte. Das hat mich befriedigt, weil es nach meinem Gefühl dem illusionären Anspruch der Kunst, alle zu erreichen, zumindest etwas mehr entgegenkommt, als Veranstaltungen, in denen Künstler und Publikum eine homogene Gruppe bilden und niemals etwas Unerwartetes passieren wird.

                   Ich will das nicht glorifizieren, aber mir schien, das, was ich zu sehen bekam, war im Großen und Ganzen ein Bild der Gesellschaft; nicht unbedingt schön, aber hochgradig interessant.

Chemnitz, Germany (detail); Image credit: Wolfram Ette

Es kommt freilich noch etwas Anderes dazu: Was sich schon wenige Monate nach meinem Herzug in den Vordergrund schob, ist, dass diese Stadt, wie so viele andere Städte im Osten auch, zum Bersten erfüllt ist mit Geschichte. Das war so anders als in den westdeutschen Städten gleichen Formats, die ich kannte. Dort scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Träge fließt sie im Flussbett der Fußgängerzonen durch die beste aller möglichen Welten. Die Menschen hatten es sich nach dem Wirtschaftswunder und der Kulturrevolution von 1968ff. gut eingerichtet. Alle entscheidenden Schlachten schienen in einer Situation geschlagen zu sein, in der sich ausgerechnet Parteien wie SPD und CDU anfingen, um den Atomausstieg zu sorgen. Vor 20 Jahren sah es so aus, als hätten wir nur noch kosmetische Korrekturen am Bestehenden vor uns. 


Und dann der Osten! Ich war umgeben von Menschen, die mir eine wichtige Erfahrung voraushatten. Sie hatten ein Gesellschaftssystem revolutionär zu Fall gebracht und sie hatten alles zusammenbrechen sehen – von der staatstragenden Ideologie über die lebensbestimmenden Arbeitsverhältnisse bis hinunter zu den selbstverständlichsten Alltagsroutinen, die auf den ersten Blick nicht viel mit Politik zu tun hatten. Lebensläufe wurden geschreddert, gingen verloren und setzten sich neu zusammen. Es gab solche, die in Depressionen fielen, von denen sie sich bis heute nicht erholt haben. Andere lebten in den Jahren 1989f. im Rausch eines fast rechtsfreien Raumes und einer Bürokratie der kürzesten Wege. Eine Generation floh zu großen Teilen in den Westen, von denen, die zurückblieben, gelang es manche, das Versprechen eines ostdeutschen Wirtschaftswunders einzulösen, andere wieder verzweifelten und verbitterten daran. 


Als ich nach Chemnitz zog, hatte sich niemand, den ich kannte, dem nun herrschenden System auf so natürliche Weise assimiliert, wie das bei mir der Fall war. Wer einen Staat einmal wanken und fallen gesehen hat, wird sich keinem anderen mit eben der Selbstverständlichkeit unterwerfen, die für die Menschen im Westen – und ich schließe mich da ein – einen kaum reflektierbaren Teil des eigenen Lebenslaufes darstellt. Der Kapitalismus war den meisten Menschen im Osten übergestülpt worden: rasch, brutal, verstörend. Seine Versprechen hat er nicht gehalten, zum Teil, weil er sie gar nicht halten wollte (die Umtriebe der Treuhand lassen sich nicht anders deuten), zum Teil aber auch nur durch ein mittelbares Verschulden, weil die Wende, also die Übernahme einer sozialistischen Planwirtschaft durch die kapitalistische Marktwirtschaft, mit dem neoliberalen Paradigmenwechsel innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsform zusammentraf, – also mit dem historischen Ende der sozialen Marktwirtschaft. Das war sozusagen der zweite Fall der Mauer. Die Menschen wollten den rheinischen Kapitalismus, und sie bekamen den „Kapitalismus ohne Beißhemmung“ (Oskar Negt). Sie erlebten nicht bloß einen asymmetrischen Anschluss an die BRD, sondern an einen sich liberalisierenden und zunehmend entgrenzenden Weltmarkt, angesichts dessen sich die öffentliche Hand aus allen möglichen Handlungsfeldern zurückzog, und der überdies von einer Serie sich steigernder Finanzmarkt- und Wirtschaftskrisen überschattet war – und ist. 

Das hält viele Menschen auch dann, wenn es ihnen gelungen war, sich nach der Wende etwas bürgerlichen Wohlstand zu erwirtschaften, auf bleibender Distanz zum ‚Westen‘. In den Lebensläufen, die diese Stadt ädern und deren Brüchigkeit sich auch in den architektonischen und stadtplanerischen Brüchen niedergeschlagen hat, stellt sich wieder und wieder die Systemfrage – bisweilen, und in den letzten Jahren zunehmend, von rechts, aber auch das ist ein wichtiges Symptom, beobachtungs- und notierenswert. Es ist nicht schön, aber interessant, fesselt mich seit nunmehr zwei Jahrzehnten und macht mich produktiv. 


Zu dem also, was für die Mittelstädte in der Provinz ohnehin charakteristisch ist – man kann sie noch halbwegs überschauen, kann sich nicht aus dem Weg gehen, Kultur ist in dem Sinne repräsentativ, dass es viele Dinge nur einmal gibt –, kommt hier noch die Wucht geschichtlicher Konflikte hinzu, die dichter als anderswo unter der Oberfläche sitzen. Ich vermute: auch dichter als in vielen ostdeutschen Kommunen. Denn das, was den kapitalistischen Gesellschaftsprozess in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts generell bestimmte – die Entwertung der gesellschaftlichen Rolle des Arbeiters – geschah hier mit schockhafter Brutalität. In Karl-Marx-Stadt war die Industriearbeitselite tätig; hauptsächlich aus diesem Grund hieß sie die „heimliche Hauptstadt der DDR“. Es gab viel Selbstbewusstsein, viel Arbeitsstolz. Die drei großen Städte Sachsens befanden sich – im Großen und Ganzen – auf Augenhöhe; sie waren sehr unterschiedlich, aber nicht unterschiedlich viel wert. Deswegen war der Fall so tief. Er führte von der ideologischen Verklärung des Arbeiters mit der Hand an der Werkbank und der Faust in der Luft zu seiner Entwertung als einem unbequemen Rest, der von der postindustriellen, digitalen Bildungsgesellschaft halt noch irgendwie mitgeschleppt werden muss.

IV

Ich glaube nur an Konflikte“ hat Heiner Müller – er schon wieder – gesagt. Das geht mir auch so. Ich glaube nicht an Reinheit, Harmonie, Verschmelzung und Homogenität. Ich glaube daran nicht im Privaten und nicht im Politischen. Das heißt, ich weiß natürlich, dass es sie als Vorstellungen gibt, halte sie aber für Anzeichen der Inhumanität. Ganz gleich, welches politische Kleid er anzieht, und auch dann, wenn er gar nicht politisch auftritt, sondern sich nur in unseren privaten Verhältnissen, Lebensformen und Beziehungen darstellt –: Hier beginnt der Faschismus. Der Faschismus ist, wie Klaus Theweleit immer wieder betont hat, keine Ideologie, sondern eine Form, Realität herzustellen, und zwar eine Realität, die keine inneren Konflikte kennt. Wenn überhaupt, werden sie zwischen Innen und Außen ausgetragen. Im Inneren herrscht - oder soll herrschen - Einheit, Einigkeit, ein einziger Wille, eine einzige Bewegung, Gesinnung, ein Gefühl. Alle Vermischungen, Konflikte und Grenzübertretungen, Kompromisse und Bündnisse können nicht ertragen werden, sondern werden externalisiert, an die Außengrenzen der eigenen Person, Nation, Community, oder der Blase verschoben. Überall dort wo Ambivalenzen unterdrückt werden, Lebensformen sich zwanghaft homogenisieren, nimmt der Faschismus seinen Anfang.

„Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ In der Tat. Aber man muss sich fragen, ob wir nicht schon weiter sind und ob die im Bild liegende Potenzialität eines zukünftigen Faschismus überhaupt ausreicht, und die gegenwärtige Situation zu erfassen. Wir leben in einem Zeitalter totaler Abgrenzung, sie macht nach meinem Eindruck vor fast keiner gesellschaftlichen Gruppierung halt. Die neue Rechte ist vielleicht die Avantgarde, in jedem Fall aber die hässliche Fratze dieses umfassenden Prozesses. Aber er ist universell und bringt die traditionellen politischen Unterscheidungen ins Rutschen. Nach den Ereignissen in Chemnitz, als 8.000 aufgebrachte Menschen gegen den mutmaßlichen Totschlag eines Deutsch-Kubaners durch drei Flüchtlinge protestierten – Menschen, die kein großes Problem damit hatten, gemeinsam mit rechten Schlägern und Neonazis auf die Straße zu gehen –, schrieb ich voller Zorn: „... Menschen, die sich vor Stadtteilen fürchten, in denen der Migrantenanteil hoch ist; Menschen, die nicht im Hochhaus wohnen würden oder nicht bei Lidl wegen der Asis vorm Eingang einkaufen; Menschen, die nicht durch Ostdeutschland fahren, weil dort überall Nazis sein sollen (‚nicht einmal im ICE‘ – wegen des Zwischenhalts); Menschen, die anders Aussehende jagen; die sich statt eines Autos eine Art Panzer anschaffen; Menschen, die die Mauer wiederhaben wollen; Menschen die Berlin super finden, aber dann doch nur Schöneberg statt Schöneweide; Menschen, die ihre Kinder auf Privatschulen schicken; Menschen, die für einen Schießbefehl an den europäischen Grenzen plädieren, Städte wie Chemnitz ins Jahr 750 v. Chr. zurückbomben möchten und denen es letztlich scheißegal ist, ‚wenn hier zuviel und anderswo zu wenig Brot herumliegt‘ (F. J. Degenhardt) –: Man verbunkert sich allem gegenüber, wovor man Angst hat und was man jeweils und jeweils für einen failed state hält.“

Das ist die Tendenz. Jetzt, nach den Anti-Corona-Demonstrationen in Berlin, sieht es nicht besser aus. Es ist deprimierend, die Linke macht dabei keine gute Figur. „Klare Kante zeigen“, „Rechte wegbassen“, „nicht mit Nazis reden“, „egoistische Schwachköpfe“, oder gleich: „Lautsprecher raus, Ansage machen, wenn die Demonstranten dann (noch) weitergehen: Mit der MP eine paar Salven abfeuern.“ Jawohl: „Die Demokratie kann im Definieren ihrer Grenzen nur genesen“. Einmal abgesehen von der Frage, was solche Phrasen bedeuten würden, wenn sie jenseits der Onlinerhetorik Wirklichkeit würde, mich beunruhigen auch so die

dahinterliegenden, aggressiven Reinheitsphantasmen, diese Angst vor Verunreinigung und Infektion durch Berührung der anderen Seite. Es muss immer wieder gesagt werden: Noch leben nicht in einer autoritären oder faschistischen Gesellschaft, in der der bewaffnete Kampf vielleicht die einzige Möglichkeit darstellt. Genau deswegen kann ich erst mal mit jedem reden und ob das sinnvoll ist oder nicht, möchte ich mir von niemandem vorschreiben lassen. Abgrenzungsrituale wie die hier versammelten ebnen, tut mir leid, einem kommenden Autoritarismus den Weg.

In diesen Zusammenhang gehört mein Plädoyer für die mittelgroßen Städte. Die Metropolen, so scheint mir, gehen als Denkräume für ein Verhalten, das Konflikte aushält und Verschiedenes nebeneinander bestehen lassen kann, allmählich verloren. Es gibt dieses Verschiedene, und sicher wohl auch in größerem Umfang als anderswo. Aber es kann nicht mehr aufeinander bezogen werden. Die sozialen Grundlagen dieses Prozesses sind bekannt. Sie laufen unter den Stichworten: Gentrifizierung, soziale und ökonomische Ghettoisierung. Das vorhin kurz angesprochen anderthalbjährige Gastspiel in Berlin, wo ich von 2016–2018 an der Freien Universität beschäftigt war und sich eine Pendelexistenz praktisch nicht machen ließ, läuft auf diese Erfahrung hinaus. Ich nahm Anzeichen eines gigantischen Entflechtungsprozesses wahr, der lange vor meiner Ankunft begonnen hatte und in dessen Verlauf Urbanität im eigentlichen Sinne, also Weitläufigkeit im Leben und Denken verfiel. Die Stadt war gewachsen und gleichzeitig enger und provinzieller geworden. Die Ausdifferenzierung war zum Ausschluss einzelner Szenen gegeneinander geworden. Es war eine einzige, riesige Enttäuschung.

Man kann in dieser Sache nicht unparteiisch sein, und ich bin es auch nicht. In allem, was eigene Lebensentscheidungen betrifft, sind wir uns ausgeliefert und können kaum thematisch werden lassen, was uns bewegt, weil es hinter unserem Rücken passiert. Ich möchte aber trotzdem die Vermutung aussprechen, dass die mittelgroßen Städte, die ich letztlich aufgrund von geografischen Zufällen als Matrix meines Wohlbefindens in mir trage, Städte von einer Größe also, die zu jener Entflechtung und Entmischung von Lebensformen, Anschauungen, Gewohnheiten und kulturellen Praktiken mangels Masse nicht in der Lage sind, den gesellschaftlichen Spaltungsprozessen, in denen wir stecken, etwas länger widerstehen könnten. Wir müssen hier miteinander reden, es geht gar nicht anders, wir können uns nicht ausweichen und irgendwann zu der Überzeugung kommen, es gäbe die Anderen gar nicht, oder so weit hinter dem Horizont meines eigenen Lebenskreises, dass es mich nichts angeht. Sie gehen mich etwas an. Wir müssen miteinander reden, in Sportvereinen, Schulen, Arbeitskollegien, in der Kleingartenkolonie und den Elternvertretungen. Es nervt, es ist nicht schön, oft anstrengend, aber es ist interessant, macht produktiv, und es lässt sich damit für das Denken etwas anfangen. Die Mittelstadt ist groß genug, um Vielfalt überhaupt zuzulassen. Sie ist zugleich noch klein genug, um sie aufeinander beziehbar zu machen. Das scheint mir in der gegenwärtigen Situation der Vorteil dieses Lebens- und Denk-Raums zu sein.

                   In der Provinz gibt es – idealtypisch formuliert – alles nur einmal. Das heißt, die Szenen, in denen sich so etwas wie eine kulturelle Identität ausbildet, sind so klein, dass man sich nicht voneinander isolieren kann. Sie sind nicht so ausdifferenziert, die Gefahr einer Konventikelbildung, der Filterblase also, in der man sich bewegt, ohne überhaupt noch mitzubekommen, dass es anderswo auf der Welt anders zugeht, ist geringer. Man läuft sich ständig über den Weg, im Guten wie im Schlechten.

                    Wer einen Staat einmal wanken und fallen gesehen hat, wird sich keinem anderen mit eben der Selbstverständlichkeit unterwerfen, die für die Menschen im Westen – und ich schließe mich da ein – einen kaum reflektierbaren Teil des eigenen Lebenslaufes darstellt. Der Kapitalismus war den meisten Menschen im Osten übergestülpt worden: rasch, brutal, verstörend.

NOTES

1. In der Literatur ist der Begriff der Mittelstadt gelegentlich zu finden. Er ist aber nicht robust ausgewiesen. Ab 100.000 Einwohnern redet man in der Regel von einer Großstadt. Die hier paradigmatisch angeführten Städte haben aber rund 200.000 Einwohner. Dass sie nicht als Großstädte bezeichnet werden, sondern mit dem etwas sperrigen Begriff der Mittelstadt, hat vor allem mit dem Wachstum der eigentlichen Großstädte zu tun. Ab einer Einwohnerzahl von einer halben Million bewegt sich die Großstadt in die Richtung einer Metropole, wie man es momentan an Leipzig beobachten kann. Ist die Millionengrenze durchbrochen, sollte sinnvoll nicht mehr von einer Großstadt, sondern von einer Metropole die Rede sein. Auch wenn solche Festlegungen immer etwas Willkürliches haben und darüber letztlich nur qualitativ am Einzelfall entschieden werden kann, bewegt sich die Einwohnerzahl der hier so genannten Mittelstädte zwischen 100.00 und 300.000.

Philosophy World Democracy

It will not be a world democracy, since it must be the people themselves who create themselves and arrange themselves. Rather, we affirm a democratic essence of the world: peopled by all the living and by all the conversing, wholly configured by their existence and by their words.